:: Bedingungen und Folgen sexueller Viktimisierung

Dunkelfeld Opfer: Bedingungen und Folgen sexueller Viktimisierung für Kinder und Jugendliche

Hier werden die zentralen Ergebnisse der Studien im Modul DO zusammengefasst. Auf welche Studien, Stichproben und Methoden sich die Ergebnisse beziehen werden, können Sie den in Klammern gesetzten Links entnehmen. Klicken Sie auf eine Frage, werden Sie direkt zu den Antworten geleitet.

 

Forschungsfragen der Studien im Modul DO waren unter anderem:

 


Wie häufig berichten junge Erwachsene in Deutschland sexuelle Missbrauchserfahrungen im Kindesalter?

11,6% Frauen und 5,1% Männer berichteten, mindestens eine sexuelle Missbrauchserfahrung in der Kindheit (für Definition siehe Link) gemacht zu haben. Vor 18 Jahren berichteten weniger von sexuellem Kindesmissbrauch betroffen zu sein: 10,7% Frauen und 3,4% Männer (Wetzels, 1997).

 

8,5% junger deutscher Erwachsenen berichteten sexuelle Missbrauchserfahrungen in ihrer Kindheit.

  • 11,6% der Frauen und 5,1% der Männer haben mindestens eine Erfahrung sexuellen Kindesmissbrauchs gemacht.
  • Bei ihrer ersten Missbrauchserfahrung waren Betroffene im Durchschnitt 9,5 Jahre alt.
  • Junge Frauen sind häufiger betroffen als junge Männer

 

Die Betroffenen leben aktuell annähernd gleichverteilt in allen Bundesländern:

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Knapp 3% der Frauen und 1,3% der Männer berichteten von sexuellen Missbrauchserfahrungen mit Körperberührungen bis hin zur vollzogenen Penetration. [Frauen damit seltener als noch vor wenigen Jahren (5,2% betroffene Frauen und 1,1% betroffene Männer bei Stadler et al., 2011).] Missbrauchserfahrungen ohne Körperberührungen berichteten 5% der Frauen und knapp 2% der Männer, geringfügig mehr als in einer Vergleichsstudie (4,6% betroffene Frauen und 1,3% betroffene Männer bei Stadler et al., 2011).

 

Häufiger wurden sexuelle Missbrauchserfahrungen ohne Körperberührungen berichtet.

  • 4% berichteten von sexuellen Missbrauchserfahrungen mit Körperberührung.
  • 7% berichteten von Missbrauchserfahrungen ohne Körperberührungen.
  • Von exhibitionistischen Handlungen Erwachsener waren als Kinder 5% betroffen.

 

Die Häufigkeit, mit der eine sexuelle Missbrauchserfahrung mit Körperberührung berichtet wurde, variiert mit der Altersgruppe, in der eine Erfahrung erstmalig gemacht wurde:

 

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(lies z. B.: von allen, die ihre erste Missbrauchserfahrung im Alter von 7 Jahren gemacht haben, hat die Hälfte eine penetrative Erfahrung machen müssen)

 

Im nationalen und internationalen Vergleich liegt Deutschland mit der Häufigkeit, mit der junge Erwachsene sexuelle Missbrauchserfahrungen in ihrer Kindheit berichten, im unteren bis mittleren Bereich. Abweichende Angaben lassen sich u. a. auf Unterschiede in der Missbrauchsdefinition zurückführen. Die Häufigkeiten der vorliegenden Studie basieren auf einer engen Definition sexuellen Kindesmissbrauchs, nach der Betroffene zum Zeitpunkt ihrer Missbrauchserfahrung höchstens 13 Jahre alt und der Täter nicht nur mindestens fünf Jahre älter (wie in den Studien von Wetzels (1997) und Stadler und Kollegen (2011)), sondern zum Tatzeitpunkt selbst mindestens 14 Jahre alt sein musste. Mit Hilfe dieser Definitionseinengung sollten gezielt sexuelle Erfahrungen von Kindern mit älteren Kindern (z. B. 8 Jahre und 13 Jahre) nicht in die Häufigkeitsschätzung einbezogen werden. Es kann daher angenommen werden, dass die vorliegende Studie die Häufigkeiten sexuellen Kindesmissbrauchs im Vergleich zu Wetzels (1997) oder Stadler und Kollegen (2011) eher unterschätzt und die tatsächliche Prävalenz oberhalb der der Vergleichsstudien liegt. Dass sexueller Kindesmissbrauch in Deutschland ein rückläufiges Problem darstellt, kann aus den Ergebnissen nicht geschlussfolgert werden.

 

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Wie unterscheiden sich die Erfahrungen von Frauen und Männern?

Zusätzlich zu sexuellem Kindesmissbrauch berichteten 11% der Frauen und 7% der Männer, in ihrer Kindheit und Jugend belastende sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben, weitere 6,1% der Frauen und 3,6% der Männer andere sexuelle Grenzverletzungen erlebt zu haben (z. B. belastende sexuelle Erfahrungen im Alter 14 / 15 mit mindestens doppelt so alten Erwachsenen; Erfahrungen, die zur Anzeige und/oder Therapie führten; Erfahrungen, die hätten zur Anzeige oder Therapie führen sollen).

 

Frauen und Männer unterscheiden sich in ihren berichteten Erfahrungen.

  • Frauen berichteten deutlich häufiger von Missbrauch als Männer.
  • Frauen waren im Durchschnitt bei ihrer ersten Missbrauchserfahrung ein Jahr älter.
  • Frauen bewerteten ihren Missbrauch als belastender als Männer ihren Missbrauch.
  • Frauen erlebten auch Missbrauch ohne Körperberührung belastend.

 

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Welche Formen sexueller Grenzverletzungen im Internet berichten Jugendliche wie häufig?

 

Jugendliche nutzen das Internet häufig für sexuelle Erfahrungen und Kontakte

  • Ein Drittel der Jugendlichen berichtet sexuelle Onlineerfahrungen /-kontakte im vergangenen Jahr.
  • Am häufigsten werden Gespräche über sexuelle Themen berichtet
  • Sexuelle Onlineerfahrungen wurden unabhängig vom Geschlecht berichtet.
  • Ältere Jugendliche berichteten häufiger sozio-sexuelle Onlineerfahrungen.

 

Mindestens eine belastende sexuelle Onlineerfahrung ( = sexuelle Grenzverletzung Online) im vergangenen Jahr berichteten 6% der Mädchen und 2% der Jungen. Dazu gehören Gespräche über sexuelle Themen, Online-Sex vor der Kamera, der Erhalt sexueller Fotos des Onlinekontaktes, der Erhalt pornografischer Abbildungen und das Verschicken eigener sexueller Fotos.

 

Die Häufigkeit, mit der Jugendliche sexuelle Grenzverletzungen im Internet berichten, ist vergleichbar mit bisherigen internationalen Studienergebnissen.

6% der Mädchen und 2% der Jungen berichteten im vergangenen Jahr mindestens eine belastende sexuelle Onlineerfahrung gemacht zu haben.

 

Häufigkeit sexuell grenzverletzender Onlineerfahrungen Jugendlicher in den vergangenen 12 Monaten:

 

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Arten sexuell grenzverletzender Onlineerfahrungen Jugendlicher in den vergangenen 12 Monaten:

 

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2,6% Mädchen und 2,3% Jungen berichteten auch, mindestens eine sexuelle Missbrauchserfahrung in der Kindheit gemacht zu haben. In der Schweiz wurden in einer vergleichbaren Altersgruppe insbesondere von Mädchen mehr sexuelle Missbrauchserfahrungen mit Körperberührung angegeben (3% der Mädchen, 0,5% der Jungen; Schmid, 2012). Häufigkeitsunterschiede zu anderen Studien, auch zu den Angaben der Erwachsenen in DO1, lassen sich auf unterschiedliche Stichprobenmerkmale zurückführen (u. a. Repräsentativität, Schulbefragung vs. Onlinebefragung, erforderliche Elterngenehmigung etc.).

 

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Wie unterscheiden sich Mädchen und Jungen hinsichtlich ihrer Missbrauchs- und Online-Erfahrungen?

Bei ihrer ersten sexuellen Missbrauchserfahrung waren Jugendliche im Durchschnitt 9,4 Jahre alt. Mädchen waren fast drei Jahre älter als Jungen (10,5 vs. 7,9 Jahre) und bewerteten den Missbrauch als belastender. Charakteristisch für Mädchen mit sexueller Missbrauchserfahrung und sexuell grenzverletzender Onlineerfahrung war eine geringere Schulbildung.

Mädchen und Jungen unterscheiden sich in ihren Online-Erfahrungen.

  • Mädchen haben im Vergleich zu Jungen ein fast vierfach erhöhtes Risiko im Internet sexuelle Grenzverletzungen zu erleben.
  • Jüngere und weniger gebildete Mädchen sind im Vergleich zu Jungen gefährdeter im Internet sexuelle Grenzverletzungen zu erleben.

 

Für Mädchen, insbesondere jüngere, war das Risiko, im vergangenen Jahr beastenden Onlinesex erlebt zu haben, 3,5-mal höher, das für einen grenzverletzenden Erhalt sexueller Abbildungen eines anderen fast 8-mal so hoch wie für Jungen. Mädchen berichteten auch häufiger, Onlinebekannte getroffen zu haben, insbesondere ältere Personen. Für alle betroffenen Jugendlichen war charakteristisch, keine Vertrauensperson zu haben, mit der sie über Probleme reden können.

Die Ergebnisse zur sexuellen Onlineaktivität sind vergleichbar mit vorherigen Studien (Quayle et al., 2012). Die Ergebnisse zur Vulnerabilität von Mädchen spiegeln sowohl bisherige Befunde zu Häufigkeiten wider (Dowdell et al., 2011; Livingstone et al., 2011; Webster et al., 2012) als auch Unterschiede im Berichtverhalten von Jungen (Finkelhor, 1980).

 

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Wie häufig münden Onlinebekanntschaften von Mädchen und Jungen in (sexuellen) Offlinetreffen (sog. grooming)?

Knapp ein Viertel aller Jugendlichen hat sich bereits mit Personen getroffen, die sie nur online kannten. In knapp 10% waren diese Personen über 18, zu 4% über 21 Jahre alt.

 

Die Mehrheit aller Online-Treffen mit Unbekannten fand unter Gleichaltrigen statt.

  • Offlinetreffen mit Personen über 18 Jahren führten eher zu sexuellen Handlungen.
  • Jüngere und weniger gebildete Mädchen treffen sich im Vergleich zu Jungen eher Offline, vor allem mit älteren Männern.

 

2% dieser Jugendlichen erlebten das Treffen als belastend. Ein Zehntel der Treffen war sexueller Natur (entspricht 2,5% sexuelle Offlinetreffen bezogen auf die Gesamtstichprobe).

 

Jugendliche treffen sich mit ihren Internetbekanntschaften offline und riskieren sexuelle Grenzverletzungen.

  • Knapp ein Viertel der Jugendlichen traf sich mit den Onlinebekanntschaften.
  • 2% erlebten das Treffen als belastend.
  • 11% berichteten sexuelle Handlungen bei den Treffen (= 2,6% aller befragten Jugendlichen).

 

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Sexuell grenzverletzende Onlineerfahrungen des vergangenen Jahres wurden in der Regel nicht mitgeteilt. Auch brach nur ein geringer Teil der Jugendlichen mit Onlinekonversation den Kontakt umgehend ab, als ein sexuelles Thema angesprochen oder sexuelle Handlungen gefordert wurden. Hauptgründe für einen Kontaktabbruch waren Belastungserleben, Wissen um Risiken und die Intervention Dritter. 3,5% haben aus Angst vor der anderen Person den Kontakt aufrechterhalten. 88% der betreffenden Jugendlichen informierten Dritte über ihr Treffen, meist Freunde oder die Mutter. Mädchen vertrauten sich häufiger an als Jungen.

 

Jugendliche sind neugierig und unterschätzen die Belastung durch Onlineerfahrungen.

  • Nur 14% der Jugendlichen mit sexuellen Onlineerfahrungen brachen den Onlinekontakt ab, als ein sexuelles Thema aufkam oder eine sexuelle Handlung gefordert wurde.
  • Offenbart wurden sexuelle Grenzverletzungen im Internet kaum.
  • Offlinetreffen sind zumeist Freunden oder Eltern vorher bekannt.

 

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Welche soziodemografischen und psycho-sozialen Merkmale unterscheiden Betroffene von Nicht-Betroffenen

Bei ihrer ersten Missbrauchserfahrung waren Betroffene im Durchschnitt 9,5 Jahre alt, betroffene Frauen fast ein Jahr älter als betroffene Männer (8,8 Jahre). Frauen und Betroffene von Missbrauchserfahrungen mit und ohne Körperberührung bewerteten den Missbrauch als belastender. Charakteristisch für betroffene Frauen waren eine geringere Schulbildung (weniger als 10 Jahre) und eine Kindheit bzw. Jugend in einer Großstadt. Für alle Betroffenen waren problematische familiäre Bedingungen (broken home) kennzeichnend.

 

Betroffene berichteten in ihrer Kindheit problematischere Entwicklungsbedingungen als Nicht-Betroffene.

  • Betroffene haben eine geringere Schulbildung mit weniger als zehn Jahren.
  • Betroffene sind eher in einer Großstadt aufgewachsen.
  • Betroffene berichteten eher von problematischen familiären Bedingungen (Broken Home).

 

Hinsichtlich aktueller Lebensbedingungen waren Betroffene sozial gut integriert: in einer festen Bindung (insbesondere Frauen), mit eigenen Kindern und einer offenen sexuellen Orientierung (insbesondere Männer).

 

Betroffene berichteten heute andere Beziehungsmerkmale als Nicht-Betroffene.

  • Betroffene Erwachsene leben eher in einer festen Bindung und haben eher eigene Kinder-
  • Betroffene insgesamt haben eher keine ausschließliche sexuelle partnerschaftliche Vorliebe für das Gegengeschlecht.

 

Aber auch bei gutem sozialem Funktionsniveau waren für alle Betroffenen psychische Probleme kennzeichnend. Betroffene waren impulsiver, aggressiver,  ängstlicher und depressiver, sozial phobischer, erlebten sich weniger wertvoll als potenzielle Beziehungspartner und hatten eine geringere Überzeugung, ihr Leben kontrollieren zu können. Die Zusammenhänge waren im Vergleich zu anderen psychischen Problemen größer für Aggressivität und Depressivität und im Besonderen für Missbrauch mit Körperberührung im Vergleich zu Missbrauch ohne Körperberührung. Frauen berichteten mehr Depressivität, Männer mehr Aggressivität. Je jünger betroffene Männer zum Zeitpunkt ihres ersten Missbrauchs waren, desto stärkere Belastungssymptome berichteten sie. Ausschlaggebend für eine aktuelle psychische Belastung war für alle Betroffenen nicht die Missbrauchserfahrung selbst, sondern das Ausmaß, in dem der Missbrauch als belastend bewertet wurde.

 

Betroffene Frauen und Männer zeigten andere psychische Belastungen

  • Betroffene Frauen berichteten mehr Depressivität.
  • Betroffene Männer berichteten mehr Aggressivität.
  • Je jünger betroffene Männer zum Zeitpunkt ihres ersten Missbrauchs waren, desto ausgeprägtere Belastungssymptome berichteten sie.

 

Im Vergleich zu betroffenen Erwachsenen berichteten betroffene Jugendliche eher keine Vertrauensperson zu haben. Unter den betroffenen Jugendlichen zeigten sexuell missbrauchte Jungen, insbesondere bei Missbrauch mit Körperberührung, eher depressive Symptome. Für betroffene Mädchen war eher Aggressivität charakteristisch. Je belastender ein Missbrauch erlebt wurde, desto mehr soziale Ängstlichkeit berichteten alle betroffenen Jugendlichen heute. Mädchen zeigten auch nach Missbrauch ohne Körperkontakt mehr Symptome als betroffene Jungen.

 

Nicht nur Jugendliche mit sexuellen Missbrauchserfahrungen, sondern auch Jugendliche mit sexuell grenzverletzenden Erfahrungen im Internet berichteten mehr psychische Probleme:

 

Jugendliche, die sexuell grenzverletzende Erfahrungen im Internet berichteten, sind psychisch belastet.

  • Betroffene Mädchen und Jungen sind impulsiver, depressiver, aggressiver und glauben, für andere als Partner weniger attraktiv zu sein.
  • Betroffene Jugendliche sind weniger sozial ängstlich.

 

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Wer sind die Täter und welche Vorgehensweisen der Täter beschreiben Betroffene?

Ein Fünftel bzw. ein Drittel der Betroffenen berichteten von Kindesmissbraucherinnen. Männer / Jungen berichteten eher von Frauen missbraucht worden zu sein (46%) als Frauen / Mädchen (10%). Umgekehrt hatten betroffene Frauen / Mädchen ein höheres Risiko von einem Mann missbraucht worden zu sein, als betroffene Männer / Jungen.

 

Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs konnten über Täter berichten:

  • 20% der jugendlichen und erwachsenen Betroffenen berichteten von mehreren Tätern in unterschiedlichen Szenarien.
  • 20% der jugendlichen und erwachsenen Betroffenen machten eindeutige Angaben bezüglich des Alters des Täters.
  • Die häufigsten Tätergruppen sind Partner und Fremde.

 

Von Täterinnen berichtete vergleichbar mit früheren Betroffenenbefragungen bis zu einem Drittel (vor allem männlicher) Betroffener sexuellen Kindesmissbrauchs:

 

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Die Ergebnisse entsprechen denen bisheriger klinischer- und Dunkelfeld-Studien, nach denen bis zu 9% betroffener Mädchen und bis zu 50% betroffener Jungen Opfer einer Frau geworden sind (Gannon & Rose, 2008; Grayston & Luca, 1999; Matravers, 2008; Robinson, 1998).

 

1/3 der betroffenen Erwachsenen und Jugendlichen berichtete von intrafamiliären Tätern und Täterinnen.

  • Betroffene Frauen / Mädchen haben ein höheres Risiko von einem Mann missbraucht zu werden, als betroffene Männer / Jungen.
  • Sowohl innerhalb als auch außerhalb der Familie berichten Männer / Jungen eher von Frauen missbraucht worden zu sein als Frauen / Mädchen.
  • Betroffene Frauen / Mädchen berichten über eine größere Altersdifferenz zum  Täter.

 

Intra- und extrafamiliäre Täter wurden von betroffenen Erwachsenen zu gleichen Teilen berichtet, während betroffene Jugendliche zu zwei Dritteln eher von extrafamiliären Tätern berichteten (insbesondere von „romantischen (Ex-)Partner“ und Fremden, vgl. auch Saradjian, 2010). Intrafamiliäre Kindesmissbraucher wurden von knapp einem Drittel der Betroffenen benannt, am häufigsten der biologische Vater (9,1% bzw. 6,9%), die biologische Mutter (5,2% bzw. 7,3%), nur von erwachsenen Betroffenen zu 4,4% der Stiefvater. In der Schweiz berichteten ebenfalls 9% betroffener Kinder mindestens einmal von einem Familienmitglied sexuell missbraucht worden zu sein (Schmidt, 2012).

 

Häufigkeit der genannten Tätergruppen nach Geschlecht:     

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Bislang wurde angenommen, dass sexueller Kindesmissbrauch überwiegend intrafamiliär erfolgt. Möglicherweise wurden die Angaben Jugendlicher zu ihren intrafamiliären Missbrauchserfahrungen jedoch von den Teilnahmebedingungen der Befragung (Genehmigung der Eltern) oder Offenlegungsbarrieren verzerrt (Scham, Schutz der Angehörigen, Bagatellisierung).

 

Täter oder Täterinnen nutzen Strategien.

  • Zwei Drittel der betroffenen Frauen / Mädchen aber nur ein Drittel der betroffenen Männer / Jungen berichteten von Täterstrategien.
  • Die Häufigste Täterstrategie ist die der Geheimhaltung.
  • Das Risiko für Strategien war bei denen mit sexuellen Missbrauchserfahrungen um das 7-Fache höher als bei denen, die sexuelle Erfahrungen ohne Missbrauch gemacht haben.

 

Hinsichtlich Täterstrategien wandten aus Sicht der Betroffenen 51,8% der Täter diverse Strategien in Vorbereitung ihres sexuellen Missbrauchs an. Neben der Verabreichung von Substanzen oder dem Zeigen von Pornografie wurden am häufigsten Strategien wie Geheimhaltung oder Pseudointimität berichtet. Betroffene Frauen / Mädchen berichteten häufiger von solchen Verhaltensweisen als betroffene Männer / Jungen. Die Ergebnisse spiegeln bisherige Studienergebnisse und Modelle zu Täterstrategien wider, in denen Kontrolle /Dominanz und Involviertheit/Pseudointimität als modi operandi bei Männern mit sexuellem Interesse an Kindern beschrieben werden (u. A. Canter, Bennel, Alison, & Reddy, 2003).

Häufigkeit verschiedener Täterstrategien nach Geschlecht:

 

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Betroffene sexueller Grenzverletzungen im Internet  können über die Täter nur spekulieren

  • Sexuell grenzverletzende Onlineerfahrungen wurden häufiger mit Männern und mit Personen über 18 Jahren berichtet.
  • Jugendliche mit unangenehmen (53,3%) und Jugendliche mit angenehmen (63,5%) sexuellen Onlineerfahrungen berichteten gleich häufig von weiblichen Kontaktpersonen
  • Sexuell grenzverletzende Onlineerfahrungen wurden nicht häufiger mit Fremden berichtet.

 

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Welche Folgen hat Missbrauch bei jungen Betroffenen, die bereits im bestehenden Hilfesystem angekommen sind?

Betroffene Kinder und Jugendliche im Hilfesystem zeigten deutliche Belastungssymptome: 60% der interviewten Kinder und Jugendlichen erfüllten zum Zeitpunkt der Studienteilnahme die Kriterien einer psychischen Störung. Die vier häufigsten Diagnosen waren Störungen des Sozialverhaltens, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen. Eine klinisch relevante posttraumatische Stresssymptomatik wurde von 57% der betroffenen Kinder und Jugendlichen und von 53% der erwachsenen Bezugspersonen angegeben. Das Risiko für eine psychische Störung war mit dem der Kinder und Jugendlichen vergleichbar, die andere Gewalterfahrungen gemacht haben (z.B. Vernachlässigung, körperliche Gewalt), sexuell missbrauchte Mädchen waren aber depressiver als Betroffene anderer nicht-sexueller Missbrauchsformen. Etwa ein Drittel der sexuell missbrauchten Kinder und Jugendlichen berichtete von einer niedrigen gesundheitsbezogenen Lebensqualität.

 

Kinder nach sexueller Viktimisierung zeigen klinisch relevante Belastungssymptome

  • Sexuelle Viktimisierung erhöht das Risiko für selbstberichtete Depression und posttraumatische Stresssymptome.
  • Drei Viertel der Kinder und Jugendlichen wiesen klinisch relevante posttraumatische Stresssymptome auf.

 

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Die wahrgenommene soziale Unterstützung war aber im Mittel hoch, insbesondere durch gleichaltrige Freunde und Mütter.

Die Ergebnisse bestätigen bisherige Studienerkenntnisse, die auf eine Vielzahl psychischer Probleme Betroffener verweisen (Kendall-Tackett et al., 1993; Maniglio, 2009; Paolucci et al., 2001). Eine erhöhte Vulnerabilität von Missbrauchsbetroffenen fanden auch Längsschnittstudien, welche einen großen und von anderen Faktoren unabhängigen Einfluss von sexuellem Kindesmissbrauch auf Depression und Suizidalität im Jugend- bzw. jungem Erwachsenenalter zeigten (Brown et al., 1999; Fergusson et al., 1996).

 

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Wann und wem gegenüber werden Missbrauchserfahrungen offengelegt?

62% aller betroffenen jungen Erwachsenen hatten ihre Missbrauchserfahrung bis zur Studienteilnahme noch keinem anvertraut, Frauen aber häufiger als Männer (47% vs. 18%). Mädchen und Jungen, die bereits im Hilfesystem angelangt sind, offenbarten sich im Mittel frühestens nach einem Jahr. Je belastender Missbrauch erlebt wurde, desto eher wurde er offenbart, insbesondere gegenüber Familienangehörigen.

 

Betroffene Kinder und Jugendliche im Hilfesystem, die ihren Missbrauch offenbart haben, teilten sich als erstes mit…

  • der Mutter (43%)
  • Peers (20%)

 

Von den offengelegten Missbrauchserfahrungen erfolgte nur ein Viertel gegenüber Polizei oder Jugendämtern (entspricht 1% aller Betroffenen).

 

Das Dunkelfeld ist immens.

  • Nur ein Drittel der Missbrauchserfahrungen wurde jemand anderem mitgeteilt
  • Gerade mal 1% der Betroffenen wird Ermittlungsbehörden oder Jugendämtern bekannt.

 

Scham ist die häufigste Offenbarungsbarriere

  • 52% haben sich aus Scham niemandem mitgeteilt.
  • 26% aufgrund der Drohungen des Täters.

 

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Wie wurde misshandlungsbezogene soziale und professionelle Unterstützung von jungen Betroffenen genutzt und erlebt bzw. bewertet?

 

Es gibt Defizite in Behandlung und Beratung von auch sehr jungen Betroffenen.

  • Die Mehrheit der behandlungsbedürftigen Kinder und Jugendlichen war ohne Therapie.
  • Insbesondere traumaspezifische Symptome werden kaum behandelt.

 

Die Inanspruchnahme misshandlungsbezogener professioneller Hilfen erwies sich als  unabhängig vom aktuellen psychischen Gesundheitszustand der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Von denen, die zum Untersuchungszeitpunkt eine behandlungsbedürftige psychische Störung zeigten, gaben 62% an, keine misshandlungsbezogenen therapeutischen Hilfen in Anspruch zu nehmen. Diejenigen Studienteilnehmer, die misshandlungsbezogene therapeutische Hilfen in Anspruch genommen haben, bewerten diese überwiegend positiv. Medikamentös behandelte Kinder und Jugendliche berichteten aber, dass eine Misshandlungsanamnese bei der Therapie oft unberücksichtigt blieb. Hilfen durch Jugendämter wurden dagegen von circa jedem Dritten als eher nicht oder gar nicht hilfreich wahrgenommen.

 

Zwanzig Prozent fühlten sich nach ihrer Offenbarung nicht ausreichend geschützt und  unterstützt.

  • Die Mehrheit der betroffenen Kinder und Jugendlichen, die sich offenbart haben, erlebten Unterstützung.
  • Soziale Unterstützung durch die Familie und das weitere soziale Umfeld sind bedeutende Schutzfaktoren.

 

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