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Grenzverletzende Erfahrungen in der Kindheit und Jugend

Das Ziel zweier retrospektiver Befragungen war, Aussagen über Bedingungen und Folgen sexuell grenzverletzender Erfahrungen während der Kindheit und Jugend treffen zu können. Über den Vergleich mit den Angaben Nicht-Betroffener wurde untersucht, welche sozialen und psychischen Merkmale Betroffene beschreiben, wie stark Mädchen und Jungen durch diese Erfahrungen belastet sind, womit das Ausmaß an Belastung zusammenhängt und wie die Belastung bewältig wird.

 

Fragestellungen

  • Wie häufig berichten junge Erwachsene in Deutschland über sexuelle Missbrauchserfahrungen im Kindesalter?
  • Wie belastend werden sexuelle Missbrauchserfahrungen in Kindheit und Jugend erlebt?
  • Wie unterscheiden sich die Erfahrungen von Frauen / Mädchen und Männern / Jungen?
  • Welche soziodemografischen Merkmale unterscheiden Betroffene von Nicht-Betroffenen (Alter, Bildung, Entwicklungsbedingungen…)?
  • Welche psycho-sozialen Merkmale unterscheiden Betroffene von Nicht-Betroffenen, d. h. sind sie z. B. impulsiver, aggressiver, ängstlicher, depressiver…?
  • Mit welchen psycho-sozialen Merkmalen hängt das Ausmaß des Belastungserlebens bei sexuellen Missbrauchserfahrungen in Kindheit und Jugend zusammen?
  • Wer sind die Täter und welche Vorgehensweisen der Täter beschreiben Betroffene?
  • Wie häufig werden Missbrauchserfahrungen offengelegt?
 

Vorgehen

Alle Teilnehmer wurden über einen anonymen Online-Fragebogen befragt. Für die Erwachsenenbefragung wurden dazu von den Marktforschungsinstituten Panelbiz und Respondi gemäß wissenschaftlicher Standards repräsentativ für Geschlecht, Bildung und Region 38.404 junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren zur Teilnahme an der Onlinebefragung eingeladen. Für die Jugendlichenbefragung wurden 17152 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 stratifiziert nach Alter und Geschlecht vom Marktforschungsinstitut linequest kontaktiert. In einer E-Mail wurden alle Erwachsenen und Jugendlichen über Ziele und Inhalt der Befragung informiert. Alle Angaben wurden anonym und unter Schweigepflicht behandelt. Die ausgefüllten Fragebögen wurden auf dem Server der Universität getrennt von den Personen aufbewahrt.

Die Teilnahme an den Studien hatte verschiedene Bedingungen, die dem Schutz der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen dienen sollen.

  • Die Teilnahme war absolut freiwillig, konnte jederzeit unterbrochen werden.
  • Alle Teilnehmer/innen mussten zu keinem Zeitpunkt ihre Namen angeben. Ein Rückschluss auf die Person ist somit nicht möglich. Der für die Online-Befragungen genutzte Server garantiert die Einhaltung des Datenschutzes.
  • Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren wurden ausschließlich über die Anbieter der Onlinepanels rekrutiert. Daher war die ggf. notwendige Zustimmung der Eltern an Befragungen vorausgesetzt.
  • Allen TeilnehmerInnen wurden während der Befragung wiederholt Informationen zu Hilfsangeboten für Betroffene sexuellen Missbrauchs zur Verfügung gestellt. Insbesondere betroffenen Jugendlichen wurde während der Befragung über zwei Wege Gelegenheit gegeben, sich Unterstützung oder Beratung zu holen: (1) in dem Fragebogen öffnete sich ein Pop-Up-Fenster sobald ein Mädchen oder ein Junge von einer belastenden Erfahrung berichtete und informierte über Angebote verschiedener spezialisierter Beratungsstellen (Save me online, Pro Familia, Nummer gegen Kummer, örtliche Kinderschutzzentren). (2) Über ein Kontaktformular konnten belastete Kinder und Jugendliche geschützt und anonym (keine Informationen wie Name, Telefonnummer, E-Mail- oder IP-Adresse) direkt mit den Mitarbeitern des MiKADO-Projekts in Kontakt treten.

 

Teilnahme

Von den kontaktierten Erwachsenen haben sich 10.726 für Onlinefragebogen interessiert und insgesamt 8848 haben ihn vollständig ausgefüllt. Nach Ausschluss derer, die widersprüchliche Angaben bezüglich ihrer sexuellen Erfahrungen gemacht haben, gingen abschließend die Angaben von 7.909 Erwachsenen (51,2% Frauen und 48,8% Männer) in die Analysen ein. Von den kontaktierten Jugendlichen wurde der Fragebogen 3308 Mal aufgerufen. 2827 Jugendliche nahmen an der Befragung teil. Nach Ausschluss von nicht vollständig ausgefüllten Datensätzen und denen mit widersprüchlichen Angaben gingen die Daten von 2248 Jugendlichen (53,8% Mädchen und 46,2% Jungen) in die Auswertung ein. Verglichen mit jungen Frauen und Männern zwischen 18 und 30 Jahren in der Allgemeinbevölkerung ist die Erwachsenenstichprobe geschlechtsrepräsentativ, aber mit einer höheren Bildung.

 

Inhalt

In der Befragung der Erwachsenen und in der der Jugendlichen wurden weitgehend die gleichen Fragen verwendet.  Alle Fragen wurden vorab auf Verständlichkeit und Dauer der Bearbeitung (Aufmerksamkeit / Belastung) geprüft. Im Mittelpunkt stand die Erfassung von zehn möglichen sexuellen Missbrauchserfahrungen über möglichst einfache und konkret formulierte Fragen („Jemand hat schon mal meinen nackten Penis, meine nackte Scheide, Po oder Brüste mit den Händen sexuell berührt.“). Für jede bejahte sexuelle Erfahrung vor dem 16. Geburtstag wurde anschließend das eigene Alter und das Alter der beteiligten Person jeweils bei der ersten und letzten Erfahrung erfragt („Wie alt waren Sie, als Sie diese Erfahrung (zum 1. Mal / zum letzten Mal) gemacht haben?"; („Wie alt war die andere Person, als Sie diese Erfahrung (zum 1. Mal / zum letzten Mal) gemacht haben?"). Abweichend von der gesetzlichen Definition sexuellen Kindesmissbrauchs nach §176 StGB wurde eine Definition gewählt, die eine Vergleichbarkeit mit Studien anderer Gesetzgebungen erlaubt:

Als sexueller Kindesmissbrauch wurde eine sexuelle Erfahrung unter 14 Jahren mit einer mindestens fünf Jahre älteren, mindestens 14-jährigen Person gewertet.

Um zusätzlich sexuelle Grenzverletzungen außerhalb der Missbrauchsdefinition erfassung zu können, wurde für jede bejahte sexuelle Erfahrung auf einer Skala von 1 bis 5 (sehr angenehm - angenehm - solala – unangenehm / belastend - sehr unangenehm /belastend) erfragt , wie diese Erfahrung beim ersten und beim letzten Mal empfunden wurde ("Wie war diese Erfahrung (beim 1. Mal / beim letzten Mal) für Sie?").

Als sexuelle Grenzverletzung wurden sexuelle Erfahrungen vor dem 16. Geburtstag gewertet, die als unangenehm / belastend  und/oder sehr unangenehm /belastend bewertet wurden.

Diese Vorgehensweise erlaubte auch die rückwirkende Erfassung des Belastungserlebens eines Missbrauchs von Betroffenen.

Um Aussagen über Bedingungen und Folgen sexuell grenzverletzender Erfahrungen während der Kindheit und Jugend treffen zu können, wurden beschreibende Merkmale wie aktuelle Beziehungsmerkmale, Bildung und Bedingungen unter denen die Befragten aufgewachsen sind wie die Anzahl der Geschwister, die Größe des Ortes, in dem bis zum Alter von 16 Jahren gelebt wurde (ländlich, Kleinstadt, Großstadt) oder die Familienkonstellation in der Kindheit (Zusammenleben mit den Eltern, getrennte Eltern, verstorbenes Elternteil, Pflegefamilie, Heim etc.) erhoben. Ein Migrationshintergrund wurde in Anlehnung an die Definition des Statistischen Bundesamtes (Statistisches Bundesamt, 2011) angenommen, wenn mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren wurde.

Zur Erfassung psycho-sozialer Merkmale und ggf. Belastungen wurden national und international anerkannte Fragebögen in die Onlineerhebung integriert (Abuse Attribution Inventory, Feiring, Taska, & Lewis, 2002; Personal Mastery Scale, Pearlin & Schooler, 1978; Mate Value Inventory, Kirsner, Figueredo, & Jacobs, 2003; Social Phobia Inventory – Kurzversion, Connor et al., 2001; Youth Self-Report – deutsche Übersetzung, Döpfner, Berner, & Lehmkuhl, 1994; Kurzfragebogen zur Erfassung von Aggressivitätsfaktoren, Heubrock & Petermann, 2008; Barratt Impulsiveness Scale – Kurzversion, Meule, Vögele, & Kübler, 2011).

Tätermerkmale wurden im Zusammenhang mit einer zusammenfassenden Bewertung für jede sexuelle Erfahrung erfasst. Die Auswahl reichte von (Ex-)Partner/(Ex-)Partnerin über Familienangehörige bis hin zu Personen, die nicht zur Familie gehören (Freund/in, Arbeitskollege/Arbeitskollegin), Personen, die Institutionen zugeordnet werden können (Kindergarten, Heim oder Schule, Kirche, Freizeitbetreuer/in, jemand, der sich um die Gesundheit kümmern soll, jemand der sich um die Sicherheit kümmern soll), Online-Bekanntschaften sowie fremden Personen. Für jede sexuelle Erfahrung, die mindestens einmal als unangenehm/belastend erlebt wurde, wurden auch situative Merkmale und Verhaltensweisen des Täters erfasst (z.B. Geheimhaltung, Drohung, Gewalt, Geschenke, Betäubung usw.). Abschließend wurden Betroffene gefragt, ob sie bis heute mit jemandem über ihre belastenden Erfahrungen gesprochen haben

Bewertung der Teilnahme

1237 Mädchen und Jungen wurden zu ihrem Erleben während und nach der Befragung befragt: Knapp zwei Drittel der Mädchen und mehr als die Hälfte der Jungen fanden die Fragen zur Sexualität insgesamt wichtig. Jungen maßen den Fragen weniger Bedeutung zu, fanden die Fragen komplizierter und langweiliger bzw. eher unnötig als Mädchen. Mädchen hingegen waren von den Fragen eher überrascht und fanden deren Inhalte ungewohnter als Jungen.

Insgesamt erlebten die Befragung 10,8% der Jugendlichen als belastend. Von den Jugendlichen, die die Befragung als belastend erlebt haben, gaben aber 84,2% an, es gut gefunden zu haben, an der Befragung teilgenommen zu haben. Letztlich bereut an der Befragung teilgenommen zu haben, berichteten 5,3% aller befragten Mädchen und Jungen. Zugleich wünschten sich aber zwei Fünftel der Jugendlichen, dass öfter über belastende sexuelle Erfahrungen gesprochen wird, Mädchen häufiger als Jungen. Vergleichbar viele sehen auch insgesamt einen höheren Aufklärungsbedarf in Deutschland.

 

Ergebnisse

Die Erwachsenenstichprobe ist geschlechtsrepräsentativ für junge Erwachsene in Deutschland. Erste Ergebnisse der Befragungen wurden auf Fachtagungen der Öffentlichkeit vorgestellt.